BASE-Publications: Abstracts
Linden,
M., Gilberg, R., Horgas, A. L., & Steinhagen-Thiessen, E. (1996). Die
Inanspruchnahme medizinischer und pflegerischer Hilfe im hohen Alter. In P. B.
Baltes & K. U. Mayer (Eds.), Die Berliner Altersstudie (pp.
475-495). Berlin: Akademie Verlag.
Mit
der Zunahme der Zahl alter Menschen stellt sich auch das Problem eines möglicherweise
ebenfalls zunehmenden medizinischen und pflegerischen Versorgungsbedarfs dieser
Bevölkerungsgruppe. In interdisziplinärer Zusammenarbeit von Geriatern,
Psychiatern, Psychologen und Soziologen war es in der Berliner Altersstudie
(BASE) möglich, die Inanspruchnahme medizinischer und pflegerischer Hilfe durch
Hochbetagte zu untersuchen. Dabei konnten nicht nur der Umfang, sondern vor
allem auch die Bedingungsfaktoren einer Inanspruchnahme untersucht werden.
93% der 70jährigen und Älteren in der Bevölkerung stehen in regelmäßiger
hausärztlicher und 60% zusätzlich in fachärztlicher Betreuung. 96% nehmen
ständig Arzneimittel ein, im Mittel sechs pro Tag. 21% waren im vergangenen
Jahr mindestens einmal im Krankenhaus. 83% leben in Privatwohnungen. Nahezu 80%
der untersuchten Bevölkerungsgruppe sind zu einer weitgehend selbständigen
Lebensführung in der Lage. 8% sind in Anlehnung an die Kriterien der
Pflegeversicherung pflegebedürftig.
Die Zahl der Arztkontakte ist aufgrund des dichten Versorgungsnetzes weitgehend
unabhängig von sozialstrukturellen oder medizinischen Variablen. Der
Arzneimittelkonsum hingegen wird durch den aktuellen Krankheitsstatus und durch
subjektives Krankheitserleben und individuelle Krankheitseinstellungen der
Betroffenen beeinflußt. Auch alte Menschen sind danach nicht nur passive
Empfänger einer medizinischen Versorgung, sondern nehmen Einfluß auf die ihnen
zugedachte Behandlung. Ebenso ist auch die pflegerische Betreuung nicht nur
über den Pflegebedarf zu erklären. Die Inanspruchnahme informeller häuslicher
Hilfe durch Dritte ist erhöht, wenn ein Lebenspartner fehlt, jedoch Kinder
vorhanden sind, während professionelle häusliche Hilfe vom Grad der
Pflegebedürftigkeit, aber auch vom sozioökonomischen Status abhängt. Institutionelle
Pflege wird, insbesondere im Zusammenhang mit Demenzerkrankungen, dann in
Anspruch genommen, wenn Pflegebedürftigkeit gegeben ist und die Betroffenen
allein stehen. Immerhin leben 68% der Schwerstpflegebedürftigen in
Privathaushalten. Die Ergebnisse von BASE zeigen, wie wichtig eine Beachtung
der Interaktionen zwischen sozialstrukturellen, medizinischen und
psychologischen Variablen für das Verständnis der Inanspruchnahme medizinischer
und pflegerischer Hilfen auch im hohen Alter ist.