BASE-Publications: Abstracts
Baltes,
M. M., Horgas, A. L., Klingenspor, B., Freund, A. M., & Carstensen, L. L.
(1996). Geschlechtsunterschiede in der Berliner Altersstudie. In P. B. Baltes
& K. U. Mayer (Eds.), Die Berliner Altersstudie (pp. 573-598).
Berlin: Akademie Verlag.
Ziel
dieses Kapitels ist es, in einer konzentrierten Form eine Beschreibung von
Geschlechtsunterschieden in einigen wichtigen Lebensbereichen zu liefern. Ein
eigenes Kapitel dem Thema Geschlechtsunterschiede im hohen Alter zu widmen,
scheint aufgrund der Feminisierung des Alters angebracht. Ein gesondertes
Kapitel über Geschlechtsunterschiede verhindert allerdings keineswegs, daß sich
dieses Thema durch die gesamte Monographie zieht und auch Daten in einzelnen
Kapiteln erwähnt werden, die hier keine Beachtung finden. Insgesamt kann die
Befundlage dahingehend zusammengefaßt werden, daß die Geschlechtsunterschiede
gering sind und daß es für diese Gruppe der 70- bis 105jährigen nur wenige
Altersdifferenzen in den Geschlechtsunterschieden gibt. Die größten Differenzen
liegen in dem Bereich der körperlichen, funktionellen und psychischen
Gesundheit. Damit bestätigen wir die in der Literatur vorliegenden Befunde,
können aber zum ersten Mal zeigen, daß die Variable Alter nur einen geringen
Einfluß auf die Geschlechtsunterschiede hat. Lediglich in der funktionellen
Kapazität zeigt sich ein deutlicher Schereneffekt zwischen Männern und Frauen
mit dem Alter. Geschlechtsunterschiede im sozialen Bereich machen deutlich, wie
sehr die Variable Geschlecht mit sozialer Schicht und ehelichem Status verwoben
ist; im Bereich psychischer Gesundheit ist es die Bildung, die mit dem
Geschlecht hoch korreliert. Zur Erklärung der von Frauen erlebten
Diskriminierungen im Alltagsleben werden zwei Grunde angeboten. Einmal das
Vorhandensein äußerer Barrieren, die sich nicht in Unterschieden in der
Persönlichkeit, sozialer Integration oder Gesundheit widerspiegeln müssen, aber
in Unterschieden in den soziodemographischen Faktoren. Zum anderen scheint der
häufigst benutzte Forschungsansatz, der nur auf individuellen Differenzen, also
einer differentiellen Gerontologie, aufbaut, zu kurz zu greifen. Unterschiede
zwischen Männern und Frauen werden durch den Kontext moderiert. Sie werden nur
dann entdeckt, wenn der Kontext als Bedingungsfaktor systematisch mit in die
Analyse einbezogen wird. Zum dritten scheinen sich auch kleine
Geschlechtsunerschiede zu akkumulieren, so daß bei einer systematischen
Betrachtungsweise eine viel dramatischere Benachteiligung der Frau zutage
tritt. Wir schließen mit der Frage, ob die Feminisierung des Alters Fragen nach
Geschlechtsunterschieden obsolet macht.