Baltes, P. B., Mayer, K. U., Helmchen, H., & Steinhagen-Thiessen, E. (2010). Die Berliner Altersstudie: Überblick und Einführung. In U. Lindenberger, J. Smith, K. U. Mayer, & P. B. Baltes (Eds.), Die Berliner Altersstudie (3rd ed., pp. 25–58). Berlin: Akademie Verlag.

 

Zusammenfassung

 

Dieses einleitende Übersichtskapitel hat zum Ziel, die allgemeinen Grundlagen, Zielsetzungen und Vorgehensweisen der Berliner Altersstudie (BASE) zu beschreiben. Die besonderen Merkmale von BASE sind: (1) Stichprobenheterogenität durch örtliche Repräsentativität (West-Berlin), (2) ein Schwerpunkt auf sehr alte Menschen (70–105 Jahre), (3) Interdisziplinarität auf breiter Basis (Innere Medizin, Geriatrie, Psychiatrie, Psychologie, Soziologie und Sozialpolitik). Neben disziplinspezifischen Themen leiten vier disziplinenübergreifende theoretische Orientierungen die Studie: (1) differentielles Altern, (2) Kontinuität versus Diskontinuität des Alterns, (3) Umfang und Grenzen von Plastizität und Kapazitätsreserven und (4) Alter und Altern als interdisziplinäre und systemische Phänomene.

Im Anschluss an diesen theoretischen Überblick und eine Diskussion der methodischen Begrenzungen einer Querschnittsstudie stellt dieses Kapitel drei empirische Aspekte der Studie ausführlicher dar, die für alle Kapitel des Bandes relevant sind: (1) eine Übersicht über die in den 14 Erhebungssitzungen angewandten Messverfahren, (2) zusammenfassende Ergebnisse von Selektivitätsanalysen der Stichprobe und (3) Probleme der Generalisierbarkeit, insbesondere das Problem der Gewichtung.

Die Selektivitätsanalysen deuten darauf hin, dass trotz eines hohen Stichprobenausfalls die Daten von BASE eine beträchtliche Heterogenität und Generalisierbarkeit aufweisen. Ferner gibt es nur wenige Hinweise auf Wechselwirkungen zwischen Selektivität und den primären Designvariablen, Alter und Geschlecht. Diese Schlussfolgerung basiert auf der vergleichenden Selektionsanalyse von insgesamt 25 Indikatoren. Die Ergebnisse der Berliner Altersstudie können also mit einer recht guten Zuverlässigkeit und Gültigkeit auf die Gesamtbevölkerung der alten Menschen in West-Berlin verallgemeinert werden. Wo dies weniger der Fall ist, können die Größe und die Richtung des Verzerrungseffekts durch Berücksichtigung der Selektivitätsanalysen und die Anwendung entsprechender Korrekturformeln (vgl. Abb. 3; siehe auch Lindenberger et al., Kapitel 3 in diesem Band) zumindest im linearen Bereich geschätzt werden. Die Explizitheit dieses Vorgehens scheint uns eine besondere Stärke der Berliner Altersstudie darzustellen.

Schließlich gehen wir in diesem Kapitel kurz auf ein weiteres methodisches Thema ein, das der objektiven und subjektiven Messung. Besonders wichtig ist uns, darauf hinzuweisen, dass die menschliche Psyche – trotz ihrer grundlegenden Realitätsorientierung – nicht primär auf eine perfekte Abbildung objektiver (interner und externer) Realität hinstrebt. Im Gegenteil, die Anpassungs- und Bewältigungsformen des menschlichen Selbst beinhalten auch die Transformation von objektiv vorhandenen Lebensbedingungen und Lebensereignissen zur Schaffung einer subjektrelevanten Realität. Es ist wichtig, diese doppelgesichtige Funktion von „self-reports“, das Erkennen von Realität und die Transformation von Realität, im Auge zu behalten.