Mayer, K. U., & Wagner, M. (2010). Lebenslagen und soziale Ungleichheit im hohen Alter. In U. Lindenberger, J. Smith, K. U. Mayer, & P. B. Baltes (Eds.), Die Berliner Altersstudie (3rd ed., pp. 275–299). Berlin: Akademie Verlag.

 

Zusammenfassung

 

In diesem Beitrag wird untersucht, unter welchen sozialen und ökonomischen Bedingungen alte und sehr alte Menschen in West-Berlin leben und in welcher Weise sich die damit verbundenen unterschiedlichen Ressourcen auf die gesellschaftliche Beteiligung, die erhaltene Hilfe und Pflege sowie die körperliche und psychische Gesundheit auswirken. Analysiert wer den Informationen zum Bildungsstand, zur beruflichen Stellung, zum Haushaltseinkommen, zu den Wohnbedingungen, zu Haushaltsformen, zu sozialen Aktivitäten und Medienkonsum sowie zu den Quellen von Hilfe und Pflege. Zu den Erscheinungsformen und Folgen sozioökonomischer Differenzierung im Alter werden drei Hypothesen geprüft: die These der Altersbedingtheit, nach der sozioökonomische Faktoren gegenüber altersabhängigen Bedingungen, wie z. B. der Gesundheit, in ihrer Erklärungskraft zurücktreten; die These sozioökonomischer Differenzierung, die einen kontinuierlichen Einfluss sozioökonomischer Unterschiede auf Lebensformen und Aktivitäten im Alter unterstellt; sowie die Kumulationshypothese, nach der sozioökonomische Differenzierungen sich in ihrer Verteilung und in ihren Auswirkungen mit zunehmendem Alter sogar noch verstärken. Im Ergebnis zeigen sich altersbedingte Einflüsse vor allem im Hinblick auf soziale Aktivitäten und gesellschaftliche Beteiligung, die stark vom Gesundheitszustand abhängen. Sozioökonomische Ressourcen können gesundheitliche Beeinträchtigungen und deren Folgen nur teilweise kompensieren. Bis zum Zeitpunkt des Übergangs in ein Heim finden wir eine große Stetigkeit der Einkommenslage und Wohnsituation im Alter, die zugleich eine Kontinuität mit der sozialen Stellung vor dem Ruhestand indiziert: Das Alter diskriminiert nicht im Hinblick auf die materielle Lebenssituation. Für die Kumulationshypothese im Sinne einer höheren Bedeutung sozioökonomischer Ungleichheiten spricht nur der Befund, dass (vor allem männliche) Angehörige höherer Sozialschichten nur sehr selten in einem Heim leben und eher zu Hause gepflegt werden. Überraschend ist der Befund, dass Indikatoren der körperlichen und geistigen Gesundheit im Alter – mit Ausnahme der Demenz – zwischen Sozialschichten kaum variieren.