Linden, M., Gilberg, R., Horgas, A. L., & Steinhagen-Thiessen, E. (2010). Die Inanspruchnahme medizinischer und pflegerischer Hilfe im hohen Alter. In U. Lindenberger, J. Smith, K. U. Mayer, & P. B. Baltes (Eds.), Die Berliner Altersstudie (3rd ed., pp. 499–519). Berlin: Akademie Verlag.

 

Zusammenfassung

 

Mit der Zunahme der Zahl alter Menschen stellt sich auch das Problem eines möglicherweise ebenfalls zunehmenden medizinischen und pflegerischen Versorgungsbedarfs dieser Bevölkerungsgruppe. In interdisziplinärer Zusammenarbeit von Geriatern, Psychiatern, Psychologen und Soziologen war es in der Berliner Altersstudie (BASE) möglich, die Inanspruchnahme medizinischer und pflegerischer Hilfe durch Hochbetagte zu untersuchen. Dabei konnten nicht nur der Umfang, sondern vor allem auch die Bedingungsfaktoren einer Inanspruchnahme untersucht werden.

93% der 70jährigen und Älteren in der Bevölkerung stehen in regelmäßiger hausärztlicher und 60% zusätzlich in fachärztlicher Betreuung. 96% nehmen ständig Arzneimittel ein, im Mittel sechs pro Tag. 21% waren im vergangenen Jahr mindestens einmal im Krankenhaus. 83% leben in Privatwohnungen. Nahezu 80% der untersuchten Bevölkerungsgruppe sind zu einer weitgehend selbständigen Lebensführung in der Lage. 8% sind in Anlehnung an die Kriterien der Pflegeversicherung pflegebedürftig.

Die Zahl der Arztkontakte ist aufgrund des dichten Versorgungsnetzes weitgehend unabhängig von sozialstrukturellen oder medizinischen Variablen. Der Arzneimittelkonsum hingegen wird durch den aktuellen Krankheitsstatus und durch subjektives Krankheitserleben und individuelle Krankheitseinstellungen der Betroffenen beeinflusst. Auch alte Menschen sind danach nicht nur passive Empfänger einer medizinischen Versorgung, sondern nehmen Einfluss auf die ihnen zugedachte Behandlung. Ebenso ist auch die pflegerische Betreuung nicht nur über den Pflegebedarf zu erklären. Die Inanspruchnahme informeller häuslicher Hilfe durch Dritte ist erhöht, wenn ein Lebenspartner fehlt, jedoch Kinder vorhanden sind, während professionelle häusliche Hilfe vom Grad der Pflegebedürftigkeit, aber auch vom sozioökonomischen Status abhängt. Institutionelle Pflege wird, insbesondere im Zusammenhang mit Demenzerkrankungen, dann in Anspruch genommen, wenn Pflegebedürftigkeit gegeben ist und die Betroffenen allein stehen. Immerhin leben 68% der Schwerstpflegebedürftigen in Privathaushalten. Die Ergebnisse von BASE zeigen, wie wichtig eine Beachtung der Interaktionen zwischen sozialstrukturellen, medizinischen und psychologischen Variablen für das Verständnis der Inanspruchnahme medizinischer und pflegerischer Hilfen auch im hohen Alter ist.