Helmchen, H., Baltes, M. M., Geiselmann, B., Kanowski, S., Linden, M., Reischies, F. M., Wagner, M., & Wilms, H.-U. (2010). Psychische Erkrankungen im Alter. In U. Lindenberger, J. Smith, K. U. Mayer, & P. B. Baltes (Eds.), Die Berliner Altersstudie (3rd ed., pp. 209–243). Berlin: Akademie Verlag.

 

Zusammenfassung

 

Zu psychiatrischen Fragen nach Art und Häufigkeit psychischer Erkrankungen im Alter, nach ihren somatischen wie sozialen Prädiktoren und nach ihren Folgen werden empirische Ergebnisse aus der Berliner Altersstudie (BASE) mitgeteilt.

Knapp die Hälfte (44%) der 70jährigen und älteren Westberliner zeigte keinerlei psychische Störungen, während knapp ein Viertel (24%) eindeutig psychisch krank war (spezifizierte DSM-III-R-Diagnostik). Das restliche knappe Drittel setzte sich aus Trägern psychopathologischer Symptome ohne Krankheitswert (16%) und psychischer Störungen mit Krankheitswert (17%) zusammen. Da diese Gruppe (vornehmlich affektiver Störungen) zwar nicht die Kriterien operationaliserter DSM-III-R-Diagnosen erfüllt, sich aber in Indikatoren gestörter Gesundheit (Activities of Daily Living, Psychopharmakaverbrauch, Prognose) von den psychisch gesunden Alten unterscheidet, wird hier von „subdiagnostischer psychiatrischer Morbidität“ gesprochen, deren Abgrenzung zum Gesunden hin Gegenstand weiterführender Analysen in BASE ist. Beispielsweise wird zur Differenzierung zwischen psychischer Gesundheit und psychischer Störung mittels einer speziell entwickelten Konsensuskonferenz gezeigt, dass sich der Hamilton-Depressions-Score (HAMD) halbiert, wenn alle wahrscheinlich oder möglicherweise somatisch bedingten Merkmale (besonders bei multimorbid Kranken) ausgeschlossen werden.

Die häufigsten psychischen Krankheiten im Alter sind Demenzen mit 14% der 70jährigen und Älteren, was umgerechnet auf die Bevölkerung der über 65jährigen einer Prävalenz von 6% (ohne leichte Formen) entspricht. Demenzerkrankungen werden mit dem Alter eindeutig häufiger. Während bei den 70jährigen in BASE noch keine Demenzerkrankungen gefunden wurden, betrug ihr Anteil bei den 90jährigen über 40%. Die zweithäufigste Gruppe psychischer Erkrankungen sind Depressionen mit 9% in der Altenpopulation. Sie zeigen keine eindeutige Altersabhängigkeit. Zwischen Demenz und Depression lässt sich auf der Ebene der Diagnosen kein Zusammenhang zeigen. Auf der syndromalen Ebene findet sich bei leichten kognitiven Störungen (MMSE-Score über 16) jedoch ein positiver und bei schweren kognitiven Störungen ein negativer Zusammenhang mit Depressivität (CES-D, HAMD).

Menschen mit depressiven Erkrankungen oder Demenzen weisen eine vergleichsweise höhere Rate körperlicher Erkrankungen auf. Dabei muss allerdings offen bleiben, ob und inwieweit die körperlichen Erkrankungen Ursachen oder Folgen der psychischen Erkrankungen sind. Hinsichtlich möglicher sozialer Risikofaktoren ist hervorzuheben, dass, übereinstimmend mit anderen Befunden, ein niedriges Bildungsniveau die Wahrscheinlichkeit einer Demenzdiagnose erhöht.

Psychische Erkrankungen wirken sich in unterschiedlicher Weise auf das Alltagsverhalten aus. Bei Demenzerkrankungen kommt es zu einer Abnahme der instrumentellen Aktivitäten, Verdoppelung der Schlaf- und Ruhezeiten und Reduktion der Zeit im Freien. Depressive Störungen hingegen haben kaum entsprechende Auswirkungen.

Psychische Erkrankungen führen je nach Art zu unterschiedlichen Behandlungskonsequenzen. Etwa zwei Drittel der alten Menschen nehmen psychotrope Pharmaka (inkl. Analgetika) ein, und ein Viertel Psychopharmaka im eigentlichen Sinne. Von diesen Psychopharmakaverordnungen können zwei Drittel als indiziert angesehen werden. Überdosierungen werden nicht beobachtet. Bei Demenzerkrankungen findet sich eine vergleichsweise niedrige Rate von Arzneimittelverordnungen insgesamt bei gleichzeitig erhöhter Rate von Behandlungen mit Neuroleptika. Bei depressiven Erkrankungen ist eine erhöhte Gesamtmedikationsrate (d. h. einschließlich internistischer Medikationen) festzustellen. Es werden jedoch nur wenige depressive alte Menschen spezifisch mit Antidepressiva behandelt, so dass hier von einer Untermedikation gesprochen werden muss.

Nach diesen Ergebnissen der Berliner Altersstudie kann auch bei alten Menschen auf eine sorgfältige Differentialdiagnostik und differentielle Behandlung psychischer Störungen nicht verzichtet werden, da die Störungen auch bei Hochbetagten unterschiedlich in Gestalt, Verlauf und Behandlungsbedarf sind.