BASE-Publications: Abstracts
Helmchen,
H., Baltes, M. M., Geiselmann, B., Kanowski, S., Linden, M., Reischies, F. M.,
et al. (1996). Psychische Erkrankungen im Alter. In K. U. Mayer & P. B.
Baltes (Eds.), Die Berliner Altersstudie (pp. 185-219). Berlin: Akademie
Verlag.
Zu
psychiatrischen Fragen nach Art und Häufigkeit psychischer Erkrankungen im
Alter, nach ihren somatischen wie sozialen Prädiktoren und nach ihren Folgen
werden empirische Ergebnisse aus der Berliner Altersstudie (BASE) mitgeteilt.
Knapp die Hälfte (44%) der 70jährigen und älteren Westberliner zeigte keinerlei
psychische Störungen, während knapp ein Viertel (24%) eindeutig psychisch krank
war (spezifizierte DSM-III-R-Diagnostik). Das restliche knappe Drittel setzte
sich aus Trägern psychopathologischer Symptome ohne Krankheitswert (16%) und
psychischer Störungen mit Krankheitswert (17%) zusammen. Da diese Gruppe
(vornehmlich affektiver Störungen) zwar nicht die Kriterien operationaliserter
DSM-III-R-Diagnosen erfüllt, sich aber in Indikatoren gestörter Gesundheit
(Activities of Daily Living, Psychopharmaverbrauch, Prognose) von den psychisch
gesunden Alten unterscheidet, wird hier von "subdiagnostischer
psychiatrischer Morbidität" gesprochen, deren Abgrenzung zum Gesunden hin
Gegenstand weiterführender Analysen in BASE ist. Beispielsweise wird zur
Differenzierung zwischen psychischer Gesundheit und psychischer Störung mittels
einer speziell entwickelten Konsensuskonferenz gezeigt, daß sich der
HAM-Depressions-Score halbiert, wenn alle wahrscheinlich oder möglicherweise
somatisch bedingten Merkmale (besonders bei multimorbid Kranken) ausgeschlossen
werden.
Die häufigsten psychischen Krankheiten im Alter sind Demenzen mit 14% der
70jährigen und Älteren, was umgerechnet auf die Bevölkerung der über 65jährigen
einer Prävalenz von 6% (ohne leichte Formen) entspricht. Demenzerkrankungen
werden mit dem Alter eindeutig häufiger. Während bei den 70jährigen in BASE
noch keine Demenzerkrankungen gefunden wurden, betrug ihr Anteil bei den
90jährigen über 40%. Die zweithäufigste Gruppe psychischer Erkrankungen sind
Depressionen mit 9% in der Altenpopulation. Sie zeigen keine eindeutige
Altersabhängigkeit. Zwischen Demenz und Depression läßt sich auf der Ebene der
Diagnosen kein Zusammenhang zeigen. Auf der syndromalen Ebene findet sich bei
leichten kognitiven Störungen (MMSE-Score über 16) jedoch ein positiver und bei
schweren kognitiven Störungen ein negativer Zusammenhang mit Depressivität
(CES-D, HAMD).
Menschen mit depressiven Erkrankungen oder Demenzen weisen eine vergleichsweise
höhere Rate körperlicher Erkrankungen auf. Dabei muß allerdings offen bleiben,
ob und inwieweit die körperlichen Erkrankungen Ursachen oder Folgen der
psychischen Erkrankungen sind. Hinsichtlich möglicher sozialer Risikofaktoren
ist hervorzuheben, daß, übereinstimmend mit anderen Befunden, ein niedriges
Bildungsniveau die Wahrscheinlichkeit einer Demenzdiagnose erhöht.
Psychische Erkrankungen wirken sich in unterschiedlicher Weise auf das
Alltagsverhalten aus. Bei Demenzerkrankungen kommt es zu einer Abnahme der
instrumentellen Aktivitäten, Verdoppelung der Schlaf- und Ruhezeiten und Reduktion
der Zeit im Freien. Depressive Störungen hingegen haben kaum entsprechende
Auswirkungen.
Psychische Erkrankungen führen je nach Art zu unterschiedlichen
Behandlungskonsequenzen. Etwa zwei Drittel der alten Menschen nehmen
psychotrope Pharmaka (inkl. Analgetika) ein, und ein Viertel Psychopharmaka im
eigentlichen Sinne. Von diesen Psychopharmakaverordnungen können zwei Drittel
als indiziert angesehen werden. Überdosierungen werden nicht beobachtet. Bei
Demenzerkrankungen findet sich eine vergleichsweise niedrige Rate von
Arzneimittelverordnungen insgesamt bei gleichzeitig erhöhter Rate von
Behandlungen mit Neuroleptika. Bei depressiven Erkrankungen ist eine erhöhte
Gesamtmedikationsrate (d. h. einschließlich internistischer Medikationen)
festzustellen. Es werden jedoch nur wenige depressive alte Menschen spezifisch
mit Antidepressiva behandelt, so daß hier von einer Untermedikation gesprochen
werden muß.
Nach diesen Ergebnissen der Berliner Altersstudie kann auch bei alten Menschen
auf eine sorgfältige Differentialdiagnostik und differentielle Behandlung
psychischer Störungen nicht verzichtet werden, da die Störungen auch bei
Hochbetagten unterschiedlich in Gestalt, Verlauf und Behandlungsbedarf sind.