BASE-Publications: Abstracts

 

Mayer, K. U., Baltes, P. B., Baltes, M. M., Borchelt, M., Delius, J., Helmchen, H., et al. (1996). Wissen über das Alter(n): Eine Zwischenbilanz der Berliner Altersstudie. In P. B. Baltes & K. U. Mayer (Eds.), Die Berliner Altersstudie (pp. 599-634). Berlin: Akademie Verlag.

 

Was wir über das Alter als Lebensphase und über das Altern als Prozeß zu wissen meinen, ist außerordentlich folgenreich. Vorstellungen über das Alter beeinflussen unser alltägliches Verhalten gegenüber alten Menschen, die Einstellungen älterer Menschen zu sich selbst, unsere eigene Lebensführung und nicht zuletzt die staatliche Sozialpolitik und die Vielzahl derjenigen Personen, die beruflich mit alten Menschen zu tun haben. Die Gerontologie prangerte zu Recht für lange Zeit negative Altersstereotypen an und setzte Befunde und Postulate vom "aktiven", "produktiven" und "erfolgreichen" Altern dagegen. Mit der Unterscheidung zwischen "jungen Alten" und "alten Alten" erschien es dann möglich, ein positives und ein negatives Altersbild nebeneinander aufrechtzuerhalten.

Zunehmend verstärken sich freilich die Zweifel, ob Abwehr und Zurückweisung negativer Behauptungen über das Alter nicht zu weit gegangen sind und durch unsere Neigung zum Verdrängen von Gebrechlichkeit, Leiden und Tod sowie unsere Hoffnung auf ein langes und gesundes Leben bestimmt wird. Ebenso wie die Hinweise auf relativ gesunde und aktive alte Menschen die Möglichkeit erfolgreicher individueller Selbstgestaltung und sozial- bzw. gesundheitspolitischer Intervention stützen, kann die Abwehr von negativen Altersvorstellungen des Abbaus und der Beeinträchtigung die Chancen und Notwendigkeiten zum Handeln auch behindern. Es gibt wohl nur wenige wissenschaftliche Arbeitsgebiete, in denen Vorstellungen der Forscher und der Gesellschaft über das Wünschenswerte und Notwendige die Auswahl der Fragestellungen und die Interpretation der Befunde so stark prägen, wie in der Alter(n)sforschung (P. B. Baltes & Staudinger, 1993). Es erscheint uns also in besonderer Weise geboten, in diesem abschließenden Kapitel zu bilanzieren und zu interpretieren, was wir als Wissen über das Alter und Altern bisher aus der Berliner Altersstudie (BASE) lernen konnten.

Wir gehen diese Aufgabe in diesem Kapitel auf mehrere Weisen an, auch um verschiedene Gruppen von Lesern anzusprechen. Die Abschnitte dieses Kapitels sind daher eher parallel als systematisch aufeinander aufbauend angelegt.

Im anschließenden zweiten Abschnitt wenden wir uns in erster Linie an den "allgemeinen" Leser und gehen von Altersstereotypen aus, wie sie in der Gesellschaft weitverbreitet sind. Wir wollen damit einsichtig machen, wie unsicher und kontrovers viele der Vorstellungen über das Alter sind. Wir konfrontieren dazu die Leser in Anlehnung an den Palmore Aging Quiz (Palmore, 1988) mit einer Liste von Thesen über das Alter(n), anhand derer sie zunächst für sich entscheiden können, welche sie für richtig halten. Daran anschließend erläutern wir, ob die jeweilige These aufgrund der Befunde der Berliner Altersstudie bestätigt oder widerlegt werden kann. Im dritten Abschnitt wenden wir uns vorrangig an die Fachwissenschaftler. Es werden dort wichtige Befunde der Berliner Altersstudie aus der Sicht der einzelnen beteiligten Forschungseinheiten zusammenfassend dargestellt. Im vierten Abschnitt wollen wir diese fachspezifischen Befunde wieder zusammenbringen und fragen, ob sich -- auf der Basis dieser Befunde -- so etwas wie bestimmte Gruppierungen unter alten Menschen bzw. bestimmte Muster des Alterns feststellen lassen. Auf diese Weise wollen wir herausarbeiten, in welchem Ausmaß verschiedene Dimensionen des Alters miteinander verknüpft sind.

Schließlich wollen wir im fünften Abschnitt eine Antwort auf die Frage geben, ob und in welcher Weise die Befunde der Berliner Altersstudie zu einer Korrektur von eher zu "positiven" oder eher zu "negativen" Vorstellungen über das hohe Alter Anlaß geben. Ferner fragen wir, welche übergreifenden Interpretationen der BASE-Befunde zum differentiellen Altern, zum hohen Alter und zum systemischen Aspekt des Alterns die BASE-Befunde nahelegen. Besteht das hohe Alter vor allem aus einer Fortschreibung des jungen Alters, oder gibt es Hinweise auf Diskontinuitäten, die das hohe Alter als eine neue Lebenslage im Sinne eines vierten Lebensalters erscheinen lassen?